In der Restrukturierung und Sanierung geht es nicht nur um kurzfristige Stabilisierung, sondern um die nachhaltige Weiterentwicklung von Strukturen, Geschäftsmodellen und Unternehmenskulturen. Für erfolgreiche Transformationen ist es entscheidend, Bestehendes kritisch zu hinterfragen, Potenziale neu zu entdecken und Professionalität auf ein höheres Niveau zu heben. Dabei leisten vernetzte Expertinnen und Experten für Restrukturierung, Sanierung und Insolvenz einen maßgeblichen Beitrag, damit Unternehmen gestärkt aus Krisen hervorgehen können. Mit ihrer Erfahrung, ihrem Fachwissen, neutralem Blick und in enger Zusammenarbeit eröffnen sie Unternehmen Wege, notwendige Veränderungen erfolgreich umzusetzen und ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern.

Vor diesem Hintergrund bot die die BDU-Fachkonferenz Sanierung unter dem Motto „Transformation als Chance“ Fach- und Führungskräften in diesem Segment Impulse, wie sie Unternehmen in Transformationsprozessen optimal begleiten können. Die Teilnehmenden hatten Gelegenheit, sich zu vernetzen, praxisnahe Strategien kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Burkhard Jung brachte die aktuellen Herausforderungen auf den Punkt: „Stabilisierung genügt nicht, Transformation wird als Chance dringend benötigt.“
Transformationserfolge im Industrieunternehmen und …

Die Transformation der Körber AG (13.000 Mitarbeiter weltweit, drei Geschäftsfelder: insbesondere Lieferant Pharmaindustrie und Anlagen für Distributionszentren sowie Technologie) ist laut Stephan Seifert gut gelungen und sichert den Fortbestand über 2030 hinaus. Der Vorstandsvorsitzende der Körber AG hob hervor, dass neben dem Geschäftsmodell an sich auch die operative Umsetzung neu gestaltet werden musste. Der Körber-Fokus liegt auf Technologieführerschaft, nicht Kostenführerschaft. Nötig ist, so betonte Seifert ausdrücklich, eine entsprechende Transformationskultur zwecks Sicherstellung der fortlaufenden Weiterentwicklung: „Es ist gelungen, die Betroffenen zu Beteiligten der Transformation zu machen und Veränderungsängste zu überwinden.“
Hierbei umfasste die Transformation (Auslöser war die Finanzkrise) drei Bausteine:
- eine Portfolio Transformation (ist unser Portfolio zukunftsfähig und resilient),
- ein neues Operating Model und
- ein neues Zielbild Life 2035.
Der Leuchtturm als Zielbild bietet die notwendige Orientierung. Wachstumsmärkte liegen in Amerika und Asien. Neben Technologie-Zukäufen in den letzten fünf Jahren habe organisches Wachstum Priorität. Klar war bzw. ist, dass die Produktivitätsgewinne aus Software und KI kommen: Nachgefragt werden nicht reine Maschinen, sondern nur Anlagen mit Software-Umgebung. Besonders wichtig für Seifert: „Authentisches Auftreten als Führungskraft wirkt als Transformationsverstärker.“
Das neue Körber-Portfolio musste mit einem neuen Operating Model durch entsprechende Markenentwicklung und Kompetenzen auf regionalen Märkten ergänzt werden. Von ursprünglich 11.200 Mitarbeitern wurden 5800 „verkauft“ (über Divestments) und 7600 durch Akquisitionen und Wachstum hinzugewonnen. Erfahrungsgemäß performen Firmen mit hoher Transformationskultur doppelt oder dreifach höher als kulturell weniger gut aufgestellte Wettbewerber. Mittlerweile sind mehr als 3000 Software- und Digital-Experten tätig. Für 10 Jahre wird eine Umsatz-Verdreifachung angestrebt, was nur in Europa als ambitioniert gilt, in USA normal ist und in Asien keine Börsenprämie bringt, so Seifert.
… bei einem digitalen Diensteanbieter

Entschlossen, gemeinsam, erfolgreich! Die Transformation der Haufe Group (2500 Mitarbeitende) vom Verlag zu einem digitalen Lösungsanbieter beschrieb Birte Hackenjos. Transformationskultur ist auch aus ihrer CEO-Sicht der Kern von Erfolg (Haufe, Lexware, Haufe-Akademie): „Wir schaffen bei unseren Kunden Freiraum für das Kerngeschäft, weil Corporate Services die Basis für wirtschaftliche Stärke und unternehmerische Wirkung sind.“ Im Zentrum der Transformationsüberlegungen stand bzw. steht die Veränderung des Kundenverhaltens im Massengeschäft (Kunde nutzt im Unternehmen und privat). Nicht unwichtig für die Motivation: Die früheren Transformationsleistungen werden in einem Museum nahe der Kantine als Beitrag zur Wertschätzung ausgestellt.
Aktuell wird insbesondere KI als Chance gesehen, Produkte besser nutzbar zu machen. Der in der Haufe Group vorhandene „Content-Schatz“ hilft, per KI sichere Antworten zu geben. So werde Beratung per Software möglich. Wichtig ist für Hackenjos insbesondere eine ausgeprägte Fehlerkultur, um das Ausprobieren neuer Lösungen ohne Erfolgsgarantie zu ermöglichen. Marken stehen für Wiedererkennung und Vertrauen und geben Orientierung und Rechtssicherheit. Innovation ist für alle im Unternehmen kein Zusatz, sondern Grundverständnis: „Wir optimieren, was trägt – und brechen auf, was uns morgen begrenzen würde.“ Innovation kann nicht in eine Abteilung ausgegliedert werden, sondern muss als gesamthafte Haltung alle prägen. Wichtig dabei ist, da war sie sich einig mit Seifert: „Veränderung fängt ganz oben an.“ Langjährig Mitwirkende mit Veränderungshistorie unterstützen die „Neuen“ dabei, neue Wege zu gehen und Pfadabhängigkeiten zu überwinden.
KI in der betriebswirtschaftlichen Beratung und…

Da die Nutzung von Künstlicher Intelligenz mittlerweile ein typisches Bild im Arbeitsalltag geworden ist und weiter atemberaubend schnell steigt, hatten die Tagungs-Organisatoren einen Konferenzblock für entsprechende Anwendungsfälle bereitgestellt: Diese sind in der Erfahrungswelt von Dr. Robert Tobias bereits sehr vielfältig im Einsatz, jedoch zumeist nur unterstützend, so z.B. Übersetzungstools. Der Deloitte-Partner (Bereich Transactions, Restructuring, Turnaround & Cost Transformation) warnt vor unbedarftem Wildwuchs: „Um die anfängliche Begeisterung für (Gen)AI-Technologien in eine nachhaltige, produktive Nutzung zu überführen und die auftretende Ernüchterungsphase zu überwinden, sind gezielte Schulungen und kontinuierliche Unterstützung entscheidend.“ Datenverfügbarkeit und Training sind entscheidend für die Implementierung. Anfangs ist eine Fehlerquote von 30% zu erwarten. Das KI-Agenten-Engineering sollte als Reise und nicht als Projekt betrachtet werden; erforderlich sind regelmäßige Weiterentwicklungen.
... in der juristischen Teamarbeit

Im Impulsvortrag von Anke Losch (AI Product Management Legal, Wolters Kluwer Deutschland GmbH) wurde die Einschätzung vertreten, dass etwa in 60% der juristischen Teams bereits KI-Anwendungen eingesetzt werden. Spezialisierte KI-Systeme z.B. für Medizintechnik und Betrugserkennung im Finanzwesen sind zu unterscheiden von den generischen KI-Systemen wie ChatGPT und Co-Pilot. Letztere sind zwar mit genauerem Prompting sehr viel besser geworden; es bleiben aber Qualität und Sicherheit als die Problemfaktoren. Hinzu kommt die Schatten-KI als große Gefahr: Jeder nutzt unbeobachtet und ohne Regeln.
Dennoch liegt die Zukunft darin, dass spezialisierte Systeme angebundene Fachdaten (autorengetriebene Informationen) und Wissensmodelle nutzen. Automatisierte Vertragsprüfung und Dokumentenanalyse haben sich als Anwendungsfelder bereits etabliert (KI durchsucht große Datenmengen und fasst zusammen). Dabei ist KI, so die Warnung von Losch, kein IT-Thema, sondern eine Risikofrage. Berater sollten Kunden helfen, die richtigen Fragen zu stellen.
KI und Produkte: Wie werden wir konkret?

Der konkrete Praxisnutzen prägte die anschließende Paneldiskussion. So fragt sich Janina Poppe (Partnerin, RSM Ebner Stolz) mittlerweile bei fast jeder Aufgabe, wie KI helfen könnte, beispielsweise bei Literaturrecherchen oder der Anfertigung von Vermerken; hingegen berichtet Dr. Jasmin Urlaub (Vorstandsmitglied, Distressed Ladies e.V.) von oft noch falschen Ergebnissen. Auch Dr. Andrea Soprano (Rechtsanwältin, Baker McKenzie) nutzt KI als Hilfsmittel, um sich beispielsweise zu einem ersten Thema einen Überblick zu verschaffen. Robert Tobias stellt fest, dass in der Projektbearbeitung schnellere Ergebnisse kommen, Nachfragen aber manchmal Defizite offenbaren. Das bestätigte Andrea Soprano. Burkhard Jung appellierte, das Prompten beizubringen. Er müsse „ja auch nicht wissen, warum ein Kühlschrank kühlt, Hauptsache er kühlt.“ Janina Poppe empfahl die Durchführung von KI-Workshops. Zu schnelle Antworten verhindern den Wissensaufbau. Jasmin Urlaub räumte perspektivisch ein: „Die Mannschaft wird kleiner!“ Das sieht auch Robert Tobias so: Wenn heute die Bank Berater fragt, ob eine Kreditvergabe vertretbar ist, kann sie morgen KI fragen. Berater können aber wenigstens vor Haftungsinanspruchnahmen schützen. Der Aufbau von M&A-Dokumenten sei schon längst eine großenteils KI-Aufgabe, nur verhandeln könne sie nicht. KI-Risiken können das Beratungsgeschäft sehr stark beeinflussen. Janina Poppe differenzierte: „Den Insolvenzplan kann ich mir schreiben lassen, das Mitnehmen der Mitarbeiter nicht.“
Wirtschaftswende absehbar und…

Perspektiven einer möglichen Wirtschaftswende in Deutschland versuchte Prof. Dr. Stefan Kooths herauszuarbeiten. Der Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft befürchtet allerdings, dass wir im Reformstau nicht wirklich vorankommen. Hinsichtlich des Energieverbrauchs sei eine schrumpfende Bedeutung von Öl und Gas erkennbar. Eine Energiemangellage bestand Stand 6.3.2026 trotz Iran-Krieg nicht. Die Staatsausgabenquote dürfte auf über 50% ansteigen. Fiskalische Spielräume werden, so Kooths, absehbar geringer. Die jährlich zur Verfügung stehende Arbeitsleistung werde schon in diesem Jahrzehnt stark abnehmen. Unsichere Expansionsspielräume sah der Referent infolge
- Demographie (Altersstruktur, Qualifikationen)
- Dekarbonisierung: Beschleunigter Strukturwandel
- Regulierungsdichte
- Kapazitätsbelastung durch Infrastrukturausbau
Zum sog. Herbst der Reformen zeigte er sich skeptisch wegen eines ausgeprägten Misstrauens in Marktprozesse und entsprechender Regulierungsdichte. Unternehmer sollen – so sein Appell – nicht in erster Linie spenden, sondern „Verbesserungen im Ressourcenverbrauch aufspüren.“ Der erfolgreiche Unternehmer sieht Nachfragende, die bereit sind, mehr zu bezahlen, als die Bereitstellung kostet.
… Maschinenbau im Aufwind?

Ergänzend informierte zur Lage des Maschinenbaus in Deutschland Dr. Tilmann Härtl (Referent Konjunktur, VDMA e.V.); er beschrieb Tendenzen einer gebremsten Aufwärtsphase. Umfragen zur Wettbewerbsfähigkeit sehen allerdings eine negative Entwicklung. Die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China wird mehrheitlich als schwach, bestenfalls durchschnittlich eingeschätzt. Nur über Innovationsvorteile hält der VDMA eine Verbesserung für möglich. Auftragseingänge zeigen eine Bodenbildung, aber keine hochgradige Dynamik an. Es gibt in den Statistiken sehr positive Bereiche (z.B. Landtechnik), am unteren Ende finden sich Verfahrenstechnik und Gießereimaschinen. Insolvenzen steigen weiter an, aber nur moderat; das Geschäftsklima verbessert sich leicht. Die VDMA-Prognose zur Entwicklung der Maschinenproduktion in 2026 beläuft sich auf +1%.
Kulturelle Transformation im Praxis-Check

Wenn die Kultur entwickelt werden soll, sollte nicht an der Kultur gearbeitet werden – mit dieser auf den ersten Blick paradox erscheinenden Empfehlung eröffnete Mark Poppenborg (intrinsify.de) seinen Erfahrungsbericht über die Umsetzung von Beratungsprojekten (Beispiele Engineeringdienstleister, dem es an Innovationsfähigkeit fehlte; Fintech-Startup; Softwareanbieter). Die drei Praxisfälle wiesen die Gemeinsamkeit auf, dass sie von einer seitens der Eigner als desolat beschriebenen Kultur gekennzeichnet waren. Nach Abschluss der Beratungsprojekte sah das Ergebnis genau andersherum aus: Kultur konnte als Erfolgsfaktor etabliert werden.
Und es folgte eine weitere provokante These: „Menschen gewinnen und mitzunehmen, ist nicht zielführend!“ Poppenborg sieht den Fehler in der Grundannahme, dass ein Unternehmen aus Menschen besteht. Alternativ dazu empfiehlt er, nicht Menschen zu verändern, sondern sich auf Regeln zu fokussieren, insbesondere auf ungeschriebene Gesetze: „Der Schlüssel liegt im Verständnis der das Verhalten prägenden Spielregeln.“
Seiner Erfahrung nach resultiert in Organisationen auftretendes Misstrauen aus Regelwidersprüchen. Meistens fehlen den Mitarbeitern Leistungsgelegenheiten. Grundannahme sollte also sein, dass ein Unternehmen aus seinen eigenen Regeln besteht: „Wer die Organisation verändern will, muss die Regeln so verändern, dass die Leistungsbereitschaft gefördert wird.“ Natürlich werde das Verhalten auch von der Persönlichkeit geprägt, aber noch viel mehr von dem Regelrahmen, der einen Menschen umgibt. Damit stellen sich folgende Fragen:
- Wie kann der institutionelle Rahmen so verändert werden, dass das gewünschte Verhalten sich einstellt?
- Wie kann erreicht werden, dass das gesamtunternehmerische Interesse über das eigene Interesse gestellt wird (Auftragsverzicht eines Mitarbeiters zugunsten eines größeren Auftrags eines Kollegen)?
Generell gültige Patentrezepte sind als Maßnahmen nicht zielführend: Die bei den Beratungsprojekten abgeleiteten Maßnahmen unterschieden sich sehr. Sie bestanden beim Engineeringdienstleister in der Abschaffung der Auslastungsmessung, in der Einführung der Ergebnisverantwortung für die Niederlassungen und in der Abschaffung der Plan-Ist-Vergleiche in den Großprojekten. Beim Softwareanbieter kam es zur Abschaffung der Vertriebsprovision und der individuellen Produktivitätsmessung. Der Fintech-Startup realisierte eine Abschaffung der individuellen Zielsysteme, eine Verschmelzung der Abteilungen und eine Abschaffung der Stellenbeschreibung.
Wir danken allen Referentinnen und Referenten, Teilnehmenden und Sponsoren für einen spannenden Tag mit viel Austausch, Netzwerken und neuem Input!