Die Digitalisierung bringt uns einen besseren Kapitalismus

verfasst von Urs M. Krämer | CEO | Sopra Steria

Entgegen der zentralen These von Jeremy Rifkin, die Digitalisierung bringe das Ende des Kapitalismus, erfährt die Marktwirtschaft durch die digitale Transformation eine neue Belastbarkeit, weil die zentralen Akteure – Unternehmen – neue Absatzpotentiale erschließen können, die wiederum die Umsatzstrukturen diversifizieren. Glaubt man dem Krisentheoretiker Nassem Talib, werden die Unternehmen und somit der Kapitalismus infolgedessen „antifragiler“.


Das Ende des Kapitalismus wird seit geraumer Zeit diskutiert und erhielt neuen Schwung durch die Finanzkrise. Doch berücksichtigt man in dieser Debatte die Kapitalismusmodelle „koordinierte“ vs. „liberale Marktökonomie“ von Hall und Soskice in „Varities of capitalism“, zeigt sich eine Kontinuität des Kapitalismus hierzulande, in Form der koordinierten Marktwirtschaft. Eines der zentralen Merkmale ist ein hoher Kooperationsgrad zwischen den Sozialpartnern. Die Kooperation findet in den Unternehmen zwischen Arbeit und Kapital statt, wirkt sich aber über die Unternehmen hinaus auf die Volkswirtschaft aus. Der derzeitige Gleichklang der positiven Entwicklung von Beschäftigung und Unternehmensbilanzen unterstreicht die Belastbarkeit der deutschen Marktwirtschaft. Leitet man diese Widerstandsfähigkeit nach Nassim Taleb – „Prophet“ der Finanzkrise – und seinem Werk „Antifragilität“ ab, wäre eine mögliche Erklärung der Belastbarkeit des deutschen Kapitalismus seine Diversifizierung durch den Pluralismus zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern. Plurale Beziehungen sind allerdings auf Kooperationen angewiesen, da sie sonst in der Hegemonie eines Akteurs und dem gleichzeitigen Ende des Pluralismus enden würden. Damit wäre die Antifragilität nicht mehr überlebensfähig.

 

Vor dem Hintergrund der kooperativen Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit agieren die Unternehmen untereinander in erster Linie kompetitiv und weniger kooperativ. Warum sollten sich Kooperationen zwischen Unternehmen also nicht ähnlich positiv auswirken? Oder provokant gefragt, was bleibt Marktteilnehmern anderes übrig, als zu kooperieren, angesichts neuer Wettbewerber, die auf die klassische Branchenspezialisierung von Unternehmen keine Rücksicht nehmen? Ein Beispiel dafür ist Google, das von Vertretern verschiedenster Branchen wie der Automobilfertigung, Finanzwirtschaft oder dem Energiesektor als ernstzunehmender Wettbewerber wahrgenommen wird. Im Umkehrschluss bietet sich die branchen- und unternehmensübergreifende Kooperation der „alten“ Ökonomie hier als Ausweg an. Die Zusammenarbeit zielt auf eine gemeinsame „Ko-Produktion“ von Waren und Dienstleistungen ab. Der Mehrwert erschließt sich einerseits aus dem zusätzlichen Absatz von konvergenten und integrierten Produkten, die ein Unternehmen allein nicht bereitstellen kann. Andererseits bedeutet die Diversifizierung der Einnahmequellen eine Stabilisierung des Geschäftsmodells hinsichtlich aktueller und zukünftiger Marktumbrüche. Denn auch wenn Marktforscher wie Gartner und Forrester enorme Potentiale bei digitalen Produkten und Dienstleistungen prognostizieren, dürfen Unternehmen ihre bisherigen „physischen“ Einnahmequellen nicht vernachlässigen, solange diese den Großteil der Umsätze verursachen. Erfolge erzielen zum Beispiel Versicherungen mit „Ko-Produkten“, die mit Online-Reiseanbietern bei Reiserücktrittsversicherungen zusammenarbeiten. Der Abschluss einer Police liegt dort nur noch einen Mausklick von der Buchung entfernt.

 

Möglich wird die branchen- und unternehmensübergreifende Kooperation durch digitale Technologien, die bislang nicht verfügbar waren. Der Reifegrad der dafür notwendigen Techniken erlaubt inzwischen die nahtlose Integration von physischen und virtuellen Prozessen und ermöglicht damit Unternehmen, konvergente und integrierte Produkte anzubieten.

 

Entgegen der These von Jeremy Rifkin, der in seinem Werk „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ das Ende des Kapitalismus durch die Digitalisierung vorhersagt, wird das Gegenteil der Fall sein: Die Digitalisierung wird zur dualen Stabilisierung des Kapitalismus maßgeblich beitragen. Denn die digitalisierungsbedingte Reduzierung der technologischen Barrieren für die Kooperation zwischen Unternehmen bringt einen neuen und besseren Kapitalismus. Einerseits überträgt die Digitalisierung das erfolgreiche Kooperationsmodell zwischen Kapital und Arbeit auf die Beziehungen zwischen den Unternehmen. Und andererseits diversifiziert die Digitalisierung die Einnahmequellen der Unternehmen durch neue Absatzmöglichkeiten, was sie antifragiler werden lässt.

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