Digitalisierung der Welt ... Rückfall in die "intellektuelle Steinzeit"?

verfasst von Marc Wagner | Senior Partner, Global Lead Transformation, Peoplemanagement & Integral Business | Detecon International GmbH

Mein absoluter Lieblings-Zukunftsforscher Michio-Kaku hat einmal gesagt: "The Future is about learning concepts & principles and not memorizing all those things". Gemeint hat er damit die zunehmende Roboterisierung und Automatisierung von Tätigkeiten sowie die vielen digitalen Helfer (BOTS) – letztere das aktuelle bzw. nächste Hype-Thema. Ein Kollege von Microsoft hat den Trend schön zusammengefasst: "BOTS sind die neuen APPs“. Digitale Helferlein und zukünftig selbstlernende Maschinen nehmen uns die anstrengenden, nervigen, ja teilweise stupiden Tätigkeiten ab und wir können uns auf "das Wesentliche" beschränken. "Roboter sind eine riesige Chance - Sie führen zu einer Humanisierung der Arbeit", so hat dies Dr. Thymian Bussemer schön auf unserem Expert-Talk zusammengefasst.


Eine absolute Traumwelt also - endlich können wir den Themen nachgehen, die richtig Spaß machen und uns Menschen fordern. New-Work becomes reality). ... stimmt! ... aber ...


Als ich einmal wieder an einer meiner absoluten Lieblingsbeschäftigung gesessen habe - Excel Dateien ausfüllen und Reisekosten abrechnen (... ich hasse Alles, was die Begriffe "Liste" oder "Template" beinhaltet) lief mir bei dem Gedanken ein wohliger Schauer über den Rücken: totale Befreiung von nerviger Admin (die bei meinem Job bestimmt 20 Prozent ausmachen) - der Wahnsinn! Riesige Produktivitätsgewinne sind drin. Und das Ganze geht dann ja noch weiter: Kopfrechnen brauchen wir schon längst nicht mehr beherrschen - Taschenrechner, Excel etc. sei Dank. Sprachen lernen: spätestens wenn Produkte wie die von Waverly Labs ausgereift sind, wird auch dies überflüssig. Sprachlich herausragende Texte schreiben? Wofür - das können Bots und KI-Systeme zukünftig auch viel besser - ach ja und Autofahren, Rasenmähen, Fensterputzen, Boden saugen, Einkaufen gehen (kommt per App oder 3D-Druck), Haus zum Office verlassen (warum? VR und Augmented Reality lassen das doch zu Hause zu) - zukünftig alles Relikte der Vergangenheit. "The Jetsons 4.0" - Science Fiction Träume werden wahr!


Soweit die guten Nachrichten. Doch was geschieht mit der neu geschaffenen Zeit? Schon bei der Einführung von Computern und dann dem Internet wurden tolle Prognosen angestellt, dass wir eigentlich kaum mehr arbeiten müssen und uns in "Müßiggang" ergehen. Stress und Hetze: Fremdwörter!


... doch die Realität ...


Die Realität sieht (zumindest gefühlt) etwas anders aus: Stresserkrankungen wie Burn-Out etc. haben im digitalen Zeitalter das "Licht der Welt" erblickt, unzählige Ratgeber zu "innerer Ruhe, Meditation, alternativen Lebenskonzepten" haben in den letzten Jahren Amazon & Co. geflutet. Und "Digital Detox" ist ein Thema, das vor zehn Jahren eher für ein müdes Lächeln gesorgt hätte.
Dabei sehe ich zwei gleichlaufende Trends, die durchaus Anlass zum Nachdenken liefern könnten:


1. Kollektiver Burnout durch maximale Informationsüberflutung


"In all diesem Überfluss ist eines Mangelware: MENSCHLICHE AUFMERKSAMKEIT". Satya Nadella


Auch wenn keine wirklich neue Erkenntnis, kurz ein Abriss zu diesem Thema. Während die "Maschine-Learning Experten" in die Hände klatschen: endlich haben wir ausreichende Datenmengen (die zudem exponentiell anstiegen - man spricht auch von "Datenexplosion"), die künstliche Intelligenz erst sinnvoll machen (im Sinne von signifikante Muster erkennen etc.), sieht die individuelle Wahrnehmung hier ggf. etwas anders aus. Wer von Ihnen / Euch kennt das nicht: während ich zu meiner Diplomarbeit noch fast ausschließlich auf Buchquellen zurückgegriffen habe und stolz war, fünf Internetlinks zu nennen (und das war 2002) - weiß man heute nicht mehr, wo einem "informationsmäßig" der Kopf steht.

 

Nahezu jedes Thema wird X-mal "wiedergekäut", weitergeleitet (getweetet) oder leicht modifiziert noch mal aufbereitet. Dann werden die Inhalte nochmals konsolidiert und über zig Portale verteilt - ganz zu schweigen von Bildinformationen (Täglich werden ca. 80 Millionen Fotos auf Instagram eingestellt), Videos etc. Hier fand ich das plakative Statement während einer Veranstaltung sehr schön: Früher - 20 Fotos - alle angeschaut; heute: 5.000 Fotos - keines mehr angeschaut). Und aus den tausenden Newslettern, die tagtäglich auf einen einprasseln wirklich relevante und neue Informationen herauszufischen - nahezu unmöglich. Über die "Slide-Recycling PowerPoint Schlachten" in Unternehmen will ich gar nicht sprechen - hier ist nicht mal die Prognose eingetreten, dass PPT zu geringeren Papierverbrauch führt (aktuell wird eher mehr als weniger gedruckt).

 

Begibt man sich auf den vielen News, Fachseiten, Blogs etc. auf die Suche, ist man schnell verloren und fragt sich oft schon nach fünf Minuten: "Wonach habe ich eigentlich noch mal gesucht?". Und dabei trifft man immer wieder auf absolut irrelevante, triviale und eigentlich uninteressante Informationen - man muss sich nur mal die Twitter- oder Facebook Streams anschauen. Und dies führt letztlich zu totalem Stress und Überforderung. Und Unternehmen setzten dann noch einen drauf: durch Dauermeetings, untereinander unabgestimmte Projekte (die alle ähnliche Themen bearbeiten) ... "Was soll an Meetings produktiv sein? - ein Unternehmen trifft sich mit sich selbst", so einer unserer Interviewpartner sehr passend.


2. Lernen & Konzentrieren ... Fehlanzeige!


Und einen weiteren Trend sehe ich und beobachte diesen auch häufig auch bei mir. Und dabei möchte ich noch mal an meine Einführung anknüpfen. "Es geht nur noch darum, Konzepte & Prinzipien zu verstehen - wirklich etwas lernen und behalten wird überflüssig." Ja wofür sollen wir irgendwelche Geschichtsdetails, Geographie, Sprach- oder sonstige Kenntnisse büffeln - dank Google, Wikipedia und zukünftig virtuellen Bots ist das absolut nicht mehr nötig. Und zudem ist "Auswendig lernen" und "Behalten" etwas, was unserem (faulen) Gehirn widerstrebt. "Anstrengungsvermeidung" ist das Stichwort. Und wenn wir weder rechnen, grammatikalisch anspruchsvoll schreiben, andere Sprache etc. beherrschen - was können wir dann als Menschen überhaupt noch (gerade im Vergleich zur Maschine)? Also zumindest teilweise eine gewisse Tendenz zur "Verblödung" (was ja die ein oder andere Studie über das Bildungsniveau belegt).

 

Und gleichzeitig hat die "Informationsberieselung" noch einen weiteren Effekt: die Fähigkeit sich auf ein Thema über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, geht völlig verloren. Ja wir suchen gerade nach der kurzfristigen Zerstreuung. Ich habe vor einigen Tagen mal wieder versucht, ein Buch zu lesen - dabei habe ich festgestellt, dass ich zwar noch immer und sehr schnell lesen kann, dass ich aber schon nach zehn Minuten nach einem neuen Thema bzw. Zerstreuung suche. Und die gibt es ja genug: Twitter, Facebook, LinkedIn checken, N-TV Nachrichten anschauen, nach neuen Studien suchen etc. - einfach treiben lassen ... was ist das schön entspannend! ... doch vielleicht wird ja doch alles gut...

 


Zwei Trends also, die - finde ich zumindest - einen schon einmal nachdenklich stimmen können. Gerade auch, wenn ich mir meine beiden Kinder anschaue und überlege: "Wie wird die Zukunft für diese einmal aussehen?" Wird man dann vollständig von digitalen Bots, Robotern und Helferlein abhängig sein und quasi sein gesamtes Leben ein "von Maschinen und Internet-Abhängiger" sein? Doch genug der Schwarzmalerei - ich denke, wir können der digitalen Zukunft mit offenen Armen begegnen und die neuesten Errungenschaften mit kritisch reflektierender Neugier annehmen. Und dabei ist letztlich jedem selbst freigestellt, wie er mit den oben beschriebenen Trends umgeht. Ich für meinen Teil habe mir fest vorgenommen, wieder mehr "an einem Stück" zu lesen und mein Leben "außerhalb der virtuellen Realität" noch stärker als in der Vergangenheit zu fördern ... wobei: die neue VR-Brille zur Playstation wäre bestimmt keine schlechte Investition, oder? Da kann ich ja zusammen mit meinem Sohn spielen ;-) - Wie war das noch mal mit den guten Vorsätzen?

 

Der Autor: Marc Wagner ist Senior Partner Digital Business Transformation bei Detecon International.

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