Kapitaldienstgrenze - Ermittlung und Einschätzung

verfasst von Ulrich Bendel | Geschäftsführer | Mühl Christ Partner Management GmbH

Für Kreditinstitute ist diese Kennzahl wichtig bzw. ausschlaggebend bei der Vergabe neuer Darlehen bzw. bei der Prolongation bestehender Kredite.


Definition
Die Kapitaldienstfähigkeit gibt Antwort auf die Frage, ob ein Unternehmen die  Zins- und Tilgungsleistungen (= Kapitaldienst) aus den laufenden Einnahmen leisten kann.
 

Dabei gilt die Faustformel, dass die (nachhaltige) Kapitaldienstgrenze höchstens bis zu 75% ausgelastet sein sollte, um den Liquiditätsspielraum nicht zu sehr einzuengen.
  

Wichtig für die Bonitätsbeurteilung
Für Kreditinstitute ist diese Kennzahl wichtig bzw. ausschlaggebend bei der Vergabe neuer Darlehen bzw. bei der Prolongation bestehender Kredite. Drei Zahlen werden ermittelt: die Kapitaldienstgrenze, der Kapitaldienst und die Auslastung der Kapitaldienstgrenze (in % des Kapitaldienstes).
 

Vor Aufnahme der Finanzierungsgespräche sollte man zunächst einmal die bestehende Auslastung der Kapitaldienstgrenze auf Basis der Ist-Zahlen überschlägig ermitteln.

 

 

 

BEISPIEL

Ist-Zahlen in TEUR

 

 

 

vorläufiges Ergebnis

10

 

 

 +

Abschreibungen

200

 

 

 =

Praktiker-Cashflow

210

 

 

 

 

 

 

 

 +

Zinsaufwand

80

 

 

  -

Entnahmen

0

 

 

 +

Einlagen

0

 

 

 

 

 

 

 

 =

 = Kapitaldienstgrenze

290

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zinsaufwand

80

 

 

 +

Tilgung

100

 

 

 =

 = Kapitaldienst

180

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kapitaldienstgrenze ist zu

62%

ausgelastet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Praktiker-Cashflow
Diese Musterrechnung geht vom sogenannten Praktiker-Cashflow aus. Der Einfachheit halber werden nur die Abschreibungen als Ausgaben, die nicht zu Auszahlungen geführt haben, berücksichtigt. Gehen aus der G+V aber weitere Positionen hervor, die in diese Kategorie gehören (zum Beispiel Zuführungen zu Rückstellungen), können bzw. sollten diese auch berücksichtigt werden. Gleiches gilt für Erlöse, die nicht zu Einzahlungen geführt haben. Entnahmen bzw. Einlagen spielen im Beispiel keine Rolle, da es sich um eine GmbH handelt und Ausschüttungen über das Geschäftsführergehalt hinaus nicht vorgesehen sind.
 

Im Beispiel ist die bestehende Kapitaldienstgrenze zu 62% ausgelastet. Oder anders ausgedrückt: der Cashflow ist zu 62% gebunden.  


Bewertungsraster
Grundsätzlich gilt folgendes Bewertungsraster: unter 50% sehr guter Wert, zwischen 50% und 75% vertretbar, über 75% kritisch.
 

Der Blick in die Zukunft
Bei der Bonitätsbeurteilung spielt die Vergangenheit nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist der Blick in die Zukunft. Hier kommt die integrierte Unternehmensplanung ins Spiel, in der beabsichtigte Investitionen und deren Finanzierung berücksichtigt werden.

 

 

 

 

PLAN-SZENARIO

Planzahlen in TEUR

 

 

 

vorläufiges Ergebnis

20

 

 

 +

Abschreibungen

220

 

 

 =

Praktiker-Cashflow

240

 

 

 

 

 

 

 

 +

Zinsaufwand

90

 

 

  -

Entnahmen

0

 

 

 +

Einlagen

0

 

 

 

 

 

 

 

 =

 = Kapitaldienstgrenze

330

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zinsaufwand

90

 

 

 +

Tilgung

150

 

 

 =

 = Kapitaldienst

240

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Kapitaldienstgrenze ist zu

73%

ausgelastet.

 

 

Das Ergebnis wird für das Planjahr in ähnlicher Höhe wie im Vorjahr erwartet. Der Zinsaufwand erhöht sich durch die zusätzlichen Darlehen. Die Zinsersparnisse durch die weitere Tilgung der bestehenden Darlehen fangen die zusätzliche Belastung nicht auf. Die Tilgung schnellt in die Höhe, was auch damit zu tun hat, dass für ein bestehendes Darlehen im Planjahr die Tilgung einsetzt.
 

Alles in allem rutscht nun die Auslastung in Richtung „ausreichend“. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass die Hausbank die Finanzierung ablehnt, wohl aber, dass der Zinssatz mit einem Risikozuschlag versehen wird.
 

Es mag zunächst etwas irritieren, dass sich die Kennzahl „Auslastung der Kapitaldienstgrenze“ bei scheinbar unveränderten Verhältnissen im Planjahr so negativ verändert.

 

 

Beurteilung der Rentabilität
Tatsache war bzw. ist, dass die Kosten im Planjahr steigen und diesen gestiegenen Belastungen kaum Mehrumsätze bzw. eine verbesserte Rohmarge gegenüberstehen. Hier zeigt sich, dass Kostenstrukturen berücksichtigt werden müssen. Weist das Unternehmen hohe Fixkostenanteile auf, die nur schwer abgebaut werden können, hat das negative Auswirkungen auf die Beurteilung. In der Diskussion um die Rentabilität des Unternehmens sollten u.a. folgende Fragen gestellt (und beantwortet !) werden:
 

  • Wie profitabel ist die Firma? Womit verdient sie ihr Geld? Wo liegen die Stärken und Schwächen? Bestehen Abhängigkeiten zu einzelnen Auftraggebern?
  • Wie hoch ist der Anteil der fixen Kosten? Welche Kostenarten sind überhaupt variabel? Gibt es fixe Leerkosten?
  • Wie zufrieden ist der Unternehmer mit seinen Mitarbeitern? Gibt es hier Änderungsbedarf?
  • Was wurde in den letzten Jahren investiert? Reicht das, um am Markt mithalten zu können? Wie wurden die Investitionen finanziert?
  • Welche vertraglichen Bindungen bestehen und wie schnell lassen sie sich lösen?
     

Kapitaldienstgrenze und Rating
Die Auslastung der Kapitaldienstgrenze ist nicht die einzige Kennzahl, die bei der Bonitätsbeurteilung zählt. Letztlich ist ein „Gesamtpaket“ verantwortlich für das Rating: ein Mix aus der Beurteilung von Abschluss- und unterjährigen Ist-Zahlen, Planzahlen (G+V, Bilanz, Liquidität), diversen Kennzahlen, Soft Facts und Branchenwerten.
 

 
Es ist allerdings häufig so, dass die Entwicklung einer Kennzahl als „pars pro toto“ angesehen werden kann. Eine Kennzahl entwickelt sich negativ – weitere tendieren in die gleiche Richtung, wobei man sich immer vor Augen halten muss, dass es sich um eine statische und zeitpunktbezogene Betrachtung handelt.

 

 

 

 

 

 

 

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