Der Trend mit dem „Du“ - die Botoxspritze für Unternehmen?

12.10.2016 | verfasst von Dagmar Strehlau | Senior Consultant | ANXO MANAGEMENT CONSULTING GmbH

In den letzten Jahren ist es auch in deutschen Firmen mehr und mehr in die Mode gekommen sich zu duzen. Großkonzerne geben da auch schon einmal eine betriebliche Aufforderung, jeden Kollegen und auch schon die Bewerber mit Vornamen anzusprechen und zu duzen (Janotta, A.). Dieser Prozess ist aber gerade in der deutschen Geschäftswelt noch ungewohnt. Im Sport oder im Urlaub fällt vielen das „Du“ leicht – es passt zur Umgebung und zur unkomplizierten Stimmung – aber auf Geschäftsebene?


 

Im Trend der Internationalisierung ist es in vielen Unternehmen üblich geworden Meetings und Präsentationen in Englisch zu halten. Hier unterscheidet man nicht zwischen „Du“ und „Sie“ und sich mit dem Vornamen anzusprechen ist eine Selbstverständlichkeit.

 

 

Gleichwohl gibt es feine Unterschiede wie die Sätze gebildet werden und wie Personen angesprochen werden. Es sind leise Zwischentöne, die hier die Essenz ausmachen.

 

 

Spricht man im Deutschen jemanden mit „Du“ an, hat es meist einen eher privaten oder unkomplizierten Touch. Sehr schnell wird die Sprachebene vertrauter, ein Level, der im Geschäftsleben nicht so gerne gesehen wird. Das „Du“ wird häufig von jungen Menschen bis zu 30 Jahren im Kontakt zu Gleichaltrigen oder Jüngeren gewählt. Dieser “jüngeren Generation“ fällt daher die Umstellung im Regelfalle nicht schwer, da es die vertraute Anrede ist. Selbst diese Altersgruppe kämpft aber an der ein oder anderen Stelle mit dieser zu schnellen Vertrautheit. Häufig wird es von ihnen so empfunden, dass der Respekt, den man sich am Anfang des Berufslebens noch sehr mühsam erkämpfen muss, wesentlich schwerer zu erhalten ist.

 

 

Man gewinnt den Eindruck, dass manche Unternehmen hoffen, sich mit dem „Du“ Botox unter die Stirn oder das angestaubte Firmenimage zu spritzen. Das „Du“ einzuführen, verjüngt nicht per se, dazu gehören weit andere Faktoren. Aus einem Großkonzern wird kein Start-up und dies wird von den Mitarbeitern oder möglichen Bewerbern auch nicht erwartet. Es wird interessant zu sehen sein, wie dieser Trend sich entwickelt: Wird das „Du“ sich etablieren oder sich als Modetrend herausstellen, der irgendwann wieder eingedampft wird? Hier ist die Frage, ob die Internationalisierung an der deutschen Mentalität scheitert oder ob es wirklich zu einem selbstverständlichen Prozess wird.

 

 

Die Einführung des „Du“ ist nicht banal, sondern eine massive Veränderung in der Unternehmenskultur. Ob man sich dieser stellen möchte, sollte wohlüberlegt sein, denn sie wieder „rückzuführen“ ist schwierig.

 

 

Und was geschieht mit Mitarbeitern, die nicht duzen wollen, sondern das „Sie“ bevorzugen? Mit welchen Maßnahmen will und kann man den Einstieg in das „Du“ fördern? Einfach nur per Rundschreiben zu verkünden, „Ab morgen wird geduzt!“, wird nicht ausreichen. Die Überlegungen zeigen, will man das „Du“ einführen, so gehört eine sorgsame Planung und Einführungsphase mit dazu.

 

 

Ein „Du“ mag zu einer Vertrautheit führen, die leicht missverstanden werden kann und mit „Vertrauen“ wenig zu tun hat. Traditionell musste man sich das „Du“ erarbeiten und es war mit einem gewissen Stolz verbunden, wenn man von den Kollegen oder der Führungskraft das „Du“ angeboten bekam. „Duzen“ ist ein sensibles Thema und manches „Du“, das mit etwas Alkohol im Blut auf der Weihnachtsfeier ausgetauscht wurde, wurde im Nachhinein vom Mitarbeiter oder der Führungskraft wieder bedauert und wäre gerne wieder rückgängig gemacht worden.

 

 

Sind hier die Überlegungen aus Ihren Augen zu antiquiert, zu sehr in alten Denkmustern verhaftet? Dies mag sein. Wichtig ist es sich im Vorfeld klar zu werden, dass mit dem „Du“ die Unternehmenskultur verändert wird und man es nicht als isolierte Maßnahme sehen kann. Häufig gibt es neben der Unternehmenskultur noch unterschwellige bereichs- oder abteilungsspezifische Kulturen und je größer ein Unternehmen ist, umso vielschichtiger sind diese. Der Ton macht die Musik und nicht jeder mag diesen etwas jugendlichen Tonfall. Es ist auch keine Altersfrage, es gab immer schon Berufsgruppen in denen man sich sehr schnell duzte und das „Sie“ eine Ausnahme war. Es muss zum Unternehmen, zu den Abteilungen und Teams passen. Alles, was die Unternehmensleitung aufzwingt und wo sie keinen Spielraum lässt, engt ein. Und eine aufgezwungene Freiheit wird so schnell zu einem gefühlten sehr engen Käfig.

 

 

„Ja“ zum „Du“ oder „Nein“ zum „Sie“ – die ideale Lösung wird es nicht geben, es muss stimmig sein - zum Unternehmen und zur Kultur. Wichtig ist es, die Einführung des „Du“ nicht als Start eines Kulturwandels zu verstehen, sondern als Ergebnis. Eine Orientierung an neuen Werten und Öffnung in den internationalen Raum beginnt wesentlich früher und das „Du“ ist hier ein kleiner Baustein, der nicht das Fundament bilden kann, sondern nur als ein Zwischenbaustein dienen kann. 

 

 

Quellen: 

Janotta, A.: „Bewerbung 4.0 bei Otto: Ohne Anschreiben und per „Du“.“ W&V 15.06.2016

Schmitt, U.: „Duzen Sie noch, oder siezt du wieder?“ Die Welt, 10.6.2016

 

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