Beschleunigt oder verlangsamt die Coronakrise die Unternehmensnachfolge im deutschen Mittelstand?

verfasst von Michael Hofnagel | Partner | Pericon Unternehmensberatung GmbH

Nach einer der tiefgreifendsten Krisen der deutschen Nachkriegszeit schüttelt sich der deutsche Mittelstand und zieht erste Bilanz. Dabei fällt diese - je nach Branche und Betroffenheit - höchst unterschiedlich aus. Nach einer ausgesprochen erfolgreichen Periode des Aufschwungs in den letzten zehn Jahren, haben gute Umsatz- und Ertragszahlen dazu geführt, dass viele Unternehmen mit hohen Eigenkapitalquoten und zinsgünstigen Finanzierungsmöglichkeiten stabil dastehen. Dies gilt aber nicht für alle Unternehmen.


So schreibt die KFW in Ihrer am 19.06.2020 veröffentlichten Corona-Sondererhebung des KfW-Mittelstandspanel 2020: „Die Rückkehr zu voller Wirtschaftsaktivität wird allerdings mühsam und ist für die meisten Unternehmen nicht vor dem Frühjahr 2021 absehbar. Der Großteil der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wird die Folgen der Corona-Krise noch lange spüren.“

 

Was bedeutet dies für das Thema Unternehmensnachfolge?


Im Grunde hat sich an der Ausgangslage rein zahlenmäßig nicht viel geändert. Noch Anfang des Jahres 2019 ging die KFW davon aus, dass rund 227.000 Inhaber im Mittelstand bis Ende 2020 die Fortführung des Unternehmens durch einen Nachfolger anstreben. Über ein Drittel dieser kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hatten zu diesem Zeitpunkt den bevorstehenden Generationenwechsel bereits erfolgreich gemeistert und einen Nachfolger gefunden; weitaus mehr als in den Jahren zuvor. Mit anderen Worten: Die Nachfolgefrage war und ist stärker in das Bewusstsein der aktuellen Inhabergeneration im deutschen Mittelstand gerückt. Nicht zuletzt deswegen, weil dieser eine teils deutliche Überalterung aufweist: Gemäß dem Mittelstandspanel der KfW aus dem Jahr 2019 hatte sich der Anteil von Inhabern im Mittelstand im Alter von über 55 Jahren im Zeitraum zwischen 2002 bis 2016 (und wir sind vier Jahre weiter) fast verdoppelt.


Sicher wird es durch die Auswirkungen der Corona-Krise auch mehr Insolvenzen und Geschäftsaufgaben geben und diese erreichen uns vermutlich erst im Herbst 2020 oder Frühjahr 2021. Unternehmer, die es aber geschafft haben, stehen immer noch oder jetzt erst Recht vor der Frage:


Wie und wann gehe ich das Thema Nachfolge an?


Ist jetzt die richtige Zeit, wo sich meine Zahlen gar nicht mehr so gut anschauen lassen, als noch vor einem Jahr? Oder habe ich jetzt erst recht genug und möchte so etwas nicht mehr erleben?

 

Wie immer, kommt es auf die Perspektive und die eigene Interessenlage an und bedarf einer klaren Analyse: 

 

1. Das Geschäftsmodell


Die aktuelle Krise hat deutlich gezeigt, welche Geschäftsmodelle standhalten und welche nicht. Ist das „Wohl und Wehe“ von nur einem oder wenigen Kunden oder Lieferanten abhängig? Wie stark ist mein Unternehmen diversifiziert und kann auf andere Bereiche ausweichen? Ist mein Geschäftsmodell krisenanfällig oder gar ein Krisengewinner? Diese Fragen, ehrlich beantwortet, können sowohl für eine Kauf- wie für eine Verkaufsentscheidung von erheblichem Interesse sein. Allein geht es nicht mehr, gemeinsam aber besser? Kaufe ich hinzu oder gebe ich besser ab?


2. Die Eigenkapitalbasis und die Liquidität


Wer in dieser Zeit mit guten Eigenkapitalwerten und einer soliden Liquidität aufwarten kann, wird immer noch attraktiv für einen Nachfolger sein, gerade dann, wenn es wieder bergauf geht. Aber für die Aufrechterhaltung der Unternehmen und die nachhaltige Krisenbewältigung werden teilweise deutliche Aufstockungen der Finanzierungsmittel notwendig sein. Kapitalgeber, egal woher, werden sich in dieser Situation, gerade bei älteren Geschäftsführungen, schwertun und erwarten, dass die Nachfolge nicht nur als langfristige Perspektive dargestellt wird, sondern die konkrete Umsetzung geplant und angegangen wird. Habe ich einen Plan für mein Unternehmen?


3. Die Wertvorstellung


Schon immer waren Asset-basierte Nachfolgeregelungen für beide Seiten - Käufer wie Verkäufer - die „sichere“ Variante. Beide Seiten hatten bei der Unternehmensbewertung verlässliche Daten und konnten den Wert bestimmen.

 

Bei Betrachtung der aktuellen Entwicklungen gängiger Umsatz- oder EBIT-Multiplikatoren, zeichnen sich die ersten Abschwächungen ab. Es ist davon auszugehen, dass es im Laufe des Jahres auch hier noch weitere Korrekturen geben wird. Und dann ist da ja noch der wichtigste Bewertungsmaßstab, der sogenannte „subjektive“ Unternehmenswert für das Lebenswerk. Gerade in Zeiten des Aufschwungs ist dies oft ein kaum aufzulösendes Missverständnis, welches manche Übernahme auch be- oder verhindert hat. So wird der eine oder andere Geschäftsführer im höheren Alter in der Krise erkennen, dass ein Ausstieg – auch zu niedrigeren Verkaufspreisen – für ihn und seine Lebensqualität bessere Perspektiven mit sich bringt als ein starres Festhalten am Status Quo und der eigenen Wertvorstellung. Aufgrund der Umsatz- und Ertragsentwicklungen werden mehr potenzielle Käufer in der Lage sein und Interesse daran haben, Unternehmen zu kaufen, sofern deren Aussichten für die Zeit nach der Krise Perspektiven erkennen lassen.


4. Und die Übernehmer?


Auch hier gibt es Chancen. Einerseits wird es den ein- oder anderen potenziellen Übernehmer geben, der jetzt das Risiko scheut und doch lieber in seinem vermeintlich sicheren Job bleibt, aber ist er dann auch der richtige Kandidat? Andererseits zeigt sich eben in der Krise auch die Loyalität des eigenen Unternehmens. Externe, von ihrem Unternehmen enttäuschte potenzielle Übernehmer sagen vielleicht „Jetzt erst recht!“. Auch wird die Beschäftigungsentwicklung in großen Konzernen insgesamt zurückgehen und dazu führen, dass wieder mehr junge Menschen eine Selbstständigkeit und eine Unternehmensübernahme für sich in Betracht ziehen.


Unser Fazit:


Die „Nach-Krisen-Zeit“ wird vieles verändern, vor allem aber auch den Blick auf das Thema Nachfolge. Es gibt für alles den richtigen und den falschen Zeitpunkt, aber man erkennt ihn nur, wenn man sich damit beschäftigt. Und gerade jetzt sollten dies alle Beteiligten tun.

 

Dabei gilt:

 

  • Unternehmensverkäufer sollten sich klar machen, dass Höchstpreise – wie sie in den vergangenen Jahren durchaus möglich waren – vermutlich auf längere Sicht nicht mehr erzielbar sein dürften. Andererseits wird ein solides und krisenbewährtes Unternehmen für potenzielle Nachfolger aber auch wieder deutlich interessanter.

 

  • Unternehmenskäufer hingegen sollten sich klar machen, dass sich gerade jetzt zeigt, wo die Chance auf einen erneuten Aufschwung und eine zukünftig gesicherte unternehmerische Existenz liegen kann.

 

Denn Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Worten zusammen. Das eine bedeutet Gefahr… und das andere Gelegenheit.

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