Open Access im Bereich Telefonie, Internet und TV - Handlungsspielräume für Unternehmen im Hinblick auf das Vorantreiben des Glasfaserausbaus

verfasst von Markus Adler (Direktor), Elena Yakushkina (Direktorin) | HPP Strategie- und Marketingberatung GmbH

Digitalisierung und technologischer Fortschritt sind wesentliche Voraussetzung für eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Marktes. Und sie erfordert flächendeckende, immer leistungsfähigere Breitbandanbindungen. Für Netzbetreiber wird es zunehmend wichtiger Strategien im Umgang mit aufkommenden Investitionsbedarfen und Regulierungsfragen zu entwickeln. Open-Access-Geschäftsmodelle und Kooperationen gewinnen dabei an Relevanz.


Die aktuellen Veränderungen in den Verbraucher- und Geschäftssegmenten, sowie 5G, werden den Bedarf an Glasfaseranschlüssen in Deutschland massiv ankurbeln. So fordern beispielsweise die Entwicklung von Smart-Home-Lösungen, 4K UHD TVs, verstärkte Nutzung von Homeoffice etc. immer leistungsfähigere Breitbandanbindungen der Gebäude. Auch die Qualität der Leitung – d.h. geringe Latenzzeiten, symmetrische Bandbreiten, geringe / keine Datenpaketverluste spielen eine immer wichtigere Rolle. Doch dieser Markt ist noch in der Entstehung. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die zugehörigen Netze noch in weiten Teilen gebaut werden müssen und dass die Auslastung der bestehenden Kapazitäten noch sehr gering ist. Netzbetreiber sehen sich daher in der Verantwortung, den Bandbreitenbedarf von mehreren hundert Megabit zeitnah und flächendeckend zu ermöglichen.

Doch inwieweit lohnen sich die hohen Investitionssummen in die bestehenden Netze bzw. neue Netze? Vor allem der Ausbau in Gebieten mit geringerer Haushaltsdichte stellt häufig ein hohes Investitionsrisiko dar. Denn ein weiteres Problem für den wirtschaftlichen Ausbau von Gigabit-Anschlüssen in Deutschland ist nach wie vor häufig die vergleichsweise noch zu geringe Take-Up-Rate. Auch in der näheren Zukunft ist zunächst von einem engen Austauschverhältnis aus Sicht der Kunden zwischen xDSL-basierten Angeboten und glasfaserbasierten Angeboten und damit einer geringen Wechselbereitschaft auszugehen. Wie kann also die Auslastung der gebauten Netze sichergestellt werden?

Kooperationen der Netzbetreiber untereinander können zur Teilung des Investitionsrisikos und des Kapitaleinsatzes dienen und somit den Glasfaserausbau erleichtern und beschleunigen. Auch um eine potenzielle Regulierung des Glasfasermarktes durch die Bundesnetzagentur abzuwenden, ziehen Unternehmen zunehmend Kooperationen nach dem Open Access Modell in Erwägung.

Was im deutschen Energiesektor bereits als selbstverständlich gilt, wird in der Telekommunikationsbrache bereits in vereinzelten Fällen umgesetzt. Als Open Access wird die diskriminierungsfreie und transparente Bereitstellung von Vorleistungsprodukten für Dritte und damit auch für Wettbewerber bezeichnet. Die auf diese Weise erfolgte Trennung von Vertrieb, Betrieb und den übertragenen Inhalten führt zu einem Dienstleistungswettbewerb, anstatt dem sonst eher üblichen Infrastrukturwettbewerb. Dies kann auf der einen Seite eine optimierte Auslastung der Netze und auf der anderen Seite ein breites Angebot, sowie attraktive Wettbewerbspreise, für den Endkunden bedeuten.


In Deutschland setzen die großen Telekommunikationsunternehmen, angesichts des Vorantreibens des Glasfaserausbaus, bereits verstärkt auf Kooperationen. Hierfür wurden im letzten halben Jahr viele neue Open Access bzw. Wholesale Kooperationen zwischen Anbietern und Netzbetreibern geschlossen. Etwa treiben die beiden Netzbetreiber Telekom und EWE, mittels des Gemeinschaftsunternehmens Glasfaser Nordwest, in Teilen Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens und in Bremen den Glasfaserausbau bereits voran. Hierfür übernehmen beide Gesellschaften den Ausbau der Infrastruktur als Generalunternehmer und ermöglichen anschließend auch Dritten die Vermarktung von Diensten auf den Netzen. Gleichermaßen vermietet auch die Innogy TelNet ihre Netze nach dem Open Access Modell. Weitere Kooperationen zeigen, dass derartige Angebote aktuell auch durch Service Provider genutzt werden. Beispielsweise hat Telefónica über seine Marke O2 zukünftig die Möglichkeit seine Breitband-Produkte auf der glasfaserbasierten Netzinfrastruktur von Tele Columbus zu vermarkten und die Deutsche Glasfaser ermöglicht, neben kleineren ISP, auch der Deutschen Telekom und der Vodafone die Nutzung einiger ihrer aktuellen und zukünftigen FTTH-Glasfasernetze.

 

Verschiedene Beispiele aus Australien, Neuseeland und auch Europa zeigen, dass Open Access Modelle einen positiven Effekt auf den Glasfaserausbau haben. In Europa gilt vor allem Schweden als Vorreiter dieses Modells und gehört mit einem sehr hohen Nutzungsgrad an Glasfaseranschlüssen auch aktuell noch zu den europäischen Spitzenreitern [2]. Maßgeblich dazu beigetragen hat die Durchführung eines kommunalen Netzbaus im Open Access Modell ab dem Jahr 2000. Ein großer Teil der Glasfasernetze sind daher Stadtnetze. Zudem investierten hier auch die großen schwedischen Telekommunikationsakteure maßgeblich mit in die Open Access Netze. Jegliche Ausbauaktivitäten wurden erfolgreich in einem Breitbandforum gemeinsam koordiniert, sodass auch kommerzielle Netzbetreiber oder Kabel-TV-Anbieter mittlerweile aktiv in Glasfaser-basierte Übertragungstechnologien investieren. Dies hat zur Folge, dass sich über die Jahre ein hoher Anspruch der Bevölkerung im Hinblick
auf Übertragungsraten entwickelt hat und dementsprechend eine hohe Abschlussquote für angebotene Dienstleistungen auf den entsprechenden Netzen besteht. Dies hat mittlerweile eine hohe Akzeptanz für diverse Geschäftsmodelle im Markt aus Kundensicht geschaffen. Open Access Modelle könnten also auch in der Telekommunikationsbranche wesentlich zum Erfolg und der Wirtschaftlichkeit beitragen. Der Bundesverband Breitbandkommunikation e.V. (BREKO) begrüßt daher Open Access im Breitbandausbau und sieht darin die Vermeidung eines „volkswirtschaftlich unsinnigen Überbaus“ [3]. Dem Beispiel der „Großen“ folgend, sollten sich daher auch regionale Unternehmen der Frage gegenüber sehen, inwieweit das Open Access Prinzip zum eigenen Unternehmenserfolg beitragen kann. Dazu ist es notwendig
die potenziellen Geschäftsmodelle und deren Mehrwerte zu kennen und die passende Position für die zukünftige Strategie in Richtung Gigabit-Versorgung anhand der eigenen Möglichkeiten herauszuarbeiten.

Entscheidende Faktoren für die Wahl der eigenen Strategie in einem Open Access Umfeld sind primär die vorhandene Nachfrage, die Wettbewerbsintensität und die Erschließbarkeit von Haushalten, mit der sich ein Unternehmen konfrontiert sieht. Die spezifischen Potentiale und Herausforderungen sind dagegen immer abhängig von der individuellen Situation eines Unternehmens zu bewerten. Ergänzend ist außerdem zu berücksichtigen, dass aufgrund des unterschiedlichen technischen und wirtschaftlichen Charakters der verschiedenen Teile des Netzes die Rollen ganz fallspezifisch besetzt werden können. So kann zum Beispiel zwischen einem Netzeigentümer, der die passive Infrastruktur besitzt und unterhält (typischerweise Kommunen, Versorgungsunternehmen), und dem Kommunikationsbetreiber, der die aktive Ausrüstung betreibt, unterschieden werden.

 

Als besonders vielversprechend, vor allem für short-term Betrachtungen, stellt sich für regionale Unternehmen der „vertikal vollintegrierte“ Ansatz „mit gesteigerter Netzauslastung“ heraus. Im Unterschied zu dem „Wholebuy-only“ oder dem „Wholesale-only“ Ansatz bleibt das Unternehmen hier weiterhin sowohl im Infrastruktur- als auch im Dienstleistungsmarkt tätig. Somit ist dieses Geschäftsmodell mit einem geringeren Risiko verbunden. Die Öffnung entsteht hier durch das Angebot von Wholesale-Vorleistungsprodukten an andere Akteure im Markt, einschließlich Wettbewerber, welche im Endkundenmarkt tätig sind. Diese können ebenfalls sowohl ein eigenes Infrastruktur- als auch ein Endkundengeschäft betreiben oder reine Diensteanbieter (Service Provider oder Reseller) sein. Ein Beispiel hierfür stellt die genannte Kooperation der Deutschen Glasfaser dar. Die Deutsche Glasfaser nutzt in diesem Fall die Chance einer gesteigerten Netzauslastung aufgrund des durch die Telekom-Produkte erweiterten Produktangebots für die Endkunden in dem vertraglich zugesicherten Gebiet.


Abschließend lässt sich festhalten, dass Open Access zwei sinnvolle strategische Stoßrichtungen möglich macht: Einerseits können Unternehmen ihr vorhandenes Netz verstärkt auslasten oder andererseits den eigenen Footprint erweitern, indem sie in anderen Regionen fremde Netze erschließen. Im Hinblick auf die Entwicklung des Glasfasermarktes und die Regulierungsmöglichkeiten in diesem, sollte sich jedes Unternehmen bewusst über die eigene Position in diesem neuen Markt werden. Hierzu gilt es, die beschriebenen Geschäftsmodelle aus der Sicht des eigenen Unternehmens zu beurteilen und Stärken und Schwächen für die individuelle Situation abzuwägen.

 


Quellen:
[1] Böcker, J. (2020, September 1). BREKO Marktanalyse 20. Verfügbar unter: https://brekoverband.de/wp-content/uploads/2020/09/2020-08-1_Breko_Marktstudie.pdf.

 

[2] Montagne, R. (2020, April 23). FTTH Council Europe-Panorama Market at September 2019. Verfügbar unter: https://www.ftthcouncil.eu/documents/FTTH%20Council%20Europe%20-%20Panorama%20at%20September%202019%20-%20Webinar%20Version%20.pdf.

 

[3] Breitbandkommunikation e.V. (2017, November 8). Open Access statt Überbau: BREKO Handelsplattform nimmt Betrieb auf. Verfügbar unter: https://brekoverband.de/open-access-statt-ueberbau-breko-handelsplattform-nimmt-betrieb-auf



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