Interview Das lebenslange Lernen ist in einer sich immer schneller verändernden Arbeitswelt unverzichtbar


Fachkräftemangel, Corona und die digitale Transformation stellen sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen vor Herausforderungen. Nur durch Aus- und Fortbildung könnten wir in der Gesellschaft sicherstellen, dass die Fachkräfte vorhanden sind, die benötigt werden, sagt Bettina Stark-Watzinger. Auch die Integration von Fachkräften aus dem Ausland spiele eine wichtige Rolle im großen Feld der Bildungspolitik, erläutert die Bundesministerin für Bildung und Forschung im Gespräch mit BDU-Präsident Ralf Strehlau.

Ralf Strehlau: Der Fachkräftemangel in unserem Land ist unübersehbar. Auch die Consultingbranche könnte noch stärker wachsen, wenn genügend qualifiziertes Personal gewonnen werden könnte. Welche wichtigen Bildungsinitiativen gibt es aktuell in Ihrem Ministerium bzw. stehen in den Startlöchern, um die Wirtschaft insgesamt zu unterstützen?

Bettina Stark-Watzinger: Der Fachkräftemangel bremst nicht nur das Wachstum, er gefährdet unseren Wohlstand. Die großen Herausforderungen wie die digitale Transformation, der Kampf gegen den Klimawandel oder die Bewältigung der Pandemie – all das gelingt nur mit den entsprechenden Fachkräften. Wir haben uns sehr schnell auf eine Reihe von Maßnahmen geeinigt, um dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Erstens: Wir erleichtern die Fachkräftezuwanderung. Wir müssen uns endlich von der Illusion verabschieden, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Die Arbeits- und Innovationskraft aus dem Ausland ist unverzichtbar, wenn wir erfolgreich aus den aktuellen Krisen herauswachsen wollen. Deshalb werden wir die Fachkräftezuwanderung durch ein Punktesystem erleichtern und die Blue Card auf nicht-akademische Berufe ausweiten. Zweitens: Wir müssen die Potenziale im MINT-Bereich besser nutzen. Denn gerade die MINT-Fachkräftelücke gefährdet unsere Innovationsfähigkeit. Deshalb habe ich den MINT-Aktionsplan 2.0 auf den Weg gebracht. Damit setzen wir entlang der gesamten Bildungskette vom Kindergarten an starke Impulse für die MINT-Bildung. Und drittens: Wir müssen die berufliche Bildung stärken, denn gerade in den Ausbildungsbetrieben wird händeringend nach Köpfen geschaut. Wir wollen die Ausbildung deshalb deutlich attraktiver machen und einen Pakt zur Stärkung und Modernisierung berufsbildender Schulen auflegen. Und mit der „Exzellenzinitiative Berufliche Bildung“ wollen wir unseren Azubis auch wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen.

 

Ralf Strehlau: Parteipolitisch unterschiedlich geführte Ministerien und 16 Bundesländer stehen bei Bildungsfragen in Deutschland traditionell für eine große Zuständigkeits- und Initiativenvielfalt, besonders im schulischen Umfeld. Braucht es aber nicht mehr zielgerichtete, gemeinsame und koordinierte Anstrengungen?

Bettina Stark-Watzinger: Man kann niemandem mehr erklären, dass wir in der Bildung innerhalb Deutschlands noch so große Unterschiede haben. Die Aufgaben zwischen Bund, Ländern und Kommunen müssen besser verteilt und aufeinander abgestimmt werden. Wir stehen nicht unterhalb der Länder im Wettbewerb, sondern international. Gerade bei den großen Themen wie Digitalisierung, wo Insellösungen keinen Sinn machen und nicht jede Schulleitung zum IT-Spezialisten berufen ist, muss der Bund viel mehr leisten können. Nur dann erhalten wir klare Strukturen. Das Kooperationsverbot ist überholt. Was wir brauchen ist ein Kooperationsgebot. Doch vor allem brauchen wir die selbstständige Schule. Die vor Ort den Lernraum schafft, der auch eine Motivation für die Lehrerinnen und Lehrer ist. Weil sie nicht mehr nur Erfüllungsgehilfe von Schulbürokratie sind, sondern echte Lern- und Lebensbegleiter.

 

Ralf Strehlau: Gehört dazu nicht auch, dass man Zielerreichung misst und Ziele überprüft und gegebenenfalls anpasst?

Bettina Stark-Watzinger: Absolut und das beschäftigt mich sehr. Sicherlich lässt sich nicht immer alles messen und quantifizieren. Aber wir scheuen uns noch zu oft, uns selbst ehrlich zu prüfen, ob wir unsere Ziele in der Bildung erreichen. Ein Beispiel ist das Corona-Aufholprogramm. Da musste es aus der Situation heraus richtigerweise sehr schnell gehen. Aber wir wissen nur bedingt, ob wir unsere Ziele erreicht haben, weil wir uns diese am Anfang nicht ausreichend gesetzt haben.Natürlich ist das auch für die Länder ein großer Kraftakt, weil vielfältige Daten erhoben werden müssten. Aber wenn wir messen und vergleichen wollen, müssen wir wissen, ob das, was wir tun, wirkt. Fehlentwicklungen zu erfassen und zu korrigieren ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

 

Ralf Strehlau: Muss damit nicht vielleicht auch ein anderer Umgang mit Fehlern in der Politik einhergehen?

Bettina Stark-Watzinger: Eine wertschätzende Fehlerkultur bietet eine wichtige Voraussetzung für gelingende Veränderungsprozesse. Das geht für mich mit einer atmenden, rollierenden Planung in der Bildungspolitik einher, bei der wir auch auf die ressortübergreifende Zusammenarbeit in gemeinsamen Projektgruppen setzen. Aber da müssen wir auch noch schneller und besser werden.

 

Ralf Strehlau: Gemäß unseren eigenen Studien und dem Vergleich mit Untersuchungen für andere Branchen investiert die Consultingbranche für die Weiterbildung seiner Mitarbeitenden das 4-fache. Welchen Stellenwert messen Sie den Initiativen der Unternehmen bei und wie kann Politik gezielt unterstützen?

Bettina Stark-Watzinger: Das lebenslange Lernen ist in einer sich immer schneller verändernden Arbeitswelt unverzichtbar. Gerade durch die digitale Transformation. Immer noch nehmen zu wenige Menschen an Weiterbildungen teil. Das wollen wir ändern.
Deswegen entwickeln wir ressortübergreifend und gemeinsam mit den Sozialpartnern eine nationale Weiterbildungsstrategie. Es wird auch nur gemeinsam gehen. Denn am Ende ist die Erkenntnis und der Gestaltungswille bei den Arbeitgebern und den Mitarbeitendenvertretungen entscheidend: Ja, mein Mitarbeiter fehlt während der Weiterbildungsmaßnahme. Aber hinterher habe ich eine stärker motivierte und vor allem noch besser ausgebildete Fachkraft.

 

Ralf Strehlau: Hier erlebe ich aber noch zu viele Fortbildungsinitiativen mit Fehlsteuerung, bei denen Budgets mit der Gießkanne verteilt werden. Und ich würde gerne mehr Anstrengungen sehen wollen, die die grundsätzliche Veränderungsfähigkeit von Mitarbeitenden in den Mittelpunkt stellt. Wie sehen Sie das?

Bettina Stark-Watzinger: Das ist ein wichtiger Aspekt. Wir erleben doch alle, wie uns die Gewissheiten der Vergangenheit alleine durch die jüngsten Erfahrungen aus der Corona-Pandemie und durch den Angriffskrieg Putins abhandengekommen sind. Wir spüren, wie wichtig Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit, und die ausgeprägte Fähigkeit, Veränderungen anzunehmen und aktiv zu gestalten, geworden sind. Das müssen wir ganz stark und breit nicht zuletzt in der Arbeitswelt berücksichtigen und den richtigen Umgang damit fördern.

 

Ralf Strehlau: Für unsere Branche hat die Hochschulausbildung im Hinblick auf unsere Recruiting-Aktivitäten natürlich eine besondere Bedeutung. Ist Forschung und Lehre in Deutschland ausreichend in ihren Strukturen auf die heutigen Anforderungen und die der Zukunft ausgerichtet?

Bettina Stark-Watzinger: Insgesamt haben wir in Deutschland ein wirklich gutes Forschungsöko- und Hochschulsystem. Auch, wenn wir vielleicht in den internationalen Vergleichsrankings an der einen oder anderen Stelle bei den Top-Positionen noch Optimierungsbedarf haben. Das gilt sicherlich unter anderem für die wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulen, die für die Consultingbranche besondere Bedeutung haben.

Als Bund unterstützen wir mit dem Zukunftspakt Studium und Lehre dabei, die Ausstattung und das Betreuungsverhältnis in den Hochschulen zu verbessern. Das gilt gleichermaßen für die Förderung der Mobilität von Studierenden ins Ausland sowie die Vergabe von Stipendien, zum Beispiel über die Begabtenförderwerke. Da sind wir übrigens im internationalen Vergleich besser und breiter aufgestellt als beispielsweise die USA.

Darüber hinaus wollen wir die nächsten Entwicklungsschritte beim Innovationstransfer machen. Wir müssen neben der sehr guten Grundlagenforschung verstärkt in die marktgerechte Entwicklung und Positionierung von Produkten. Das erreichen wir durch die Gründung der Deutschen Agentur für Transfer und Innovation, mit professioneller Gründungsberatung, mit Co-Working-Spaces, mit Entrepreneurship in der Lehre und der Kontaktvermittlung zu privaten Investoren. Hinzu kommt: Wir verhandeln mit den Ländern gerade die Rahmenbedingungen für die neue Runde der Exzellenzstrategie, die den eingeschlagenen Weg fortsetzen soll, um den deutschen Wissenschaftsstandort im internationalen Wettbewerb nachhaltig zu stärken und international sichtbarer zu machen.

 

Ralf Strehlau: Sehr geehrte Frau Bundesministerin, ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch!

 

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